August 20th, 2012

Alpenquerung am Berner König vorbei

Eiger, Mönch und Jungfrau dominieren das Panorama der Berner Alpen. Etwas versteckt dahinter fristet der eigentliche König, das Finsteraarhorn, ein unverdientes Schattendasein. Das ändert sich eindrücklich, wenn man an einem Tag die Chance hat, den 4274 Meter hohen Spitz zu befliegen. So geschehen am vergangenen Samstag, 18. August.

Umgeben von Fiescher-, Galmi- und Studergletscher präsentiert sich der Gipfel vom Wallis her in seiner ganzen Schönheit: elegant und gewaltig zugleich, schroff und doch anziehend. Die vermutliche Erstbesteigung liegt 200 Jahre und 2 Tage zurück. An diesem Tag wären sich die Bergsteiger ob des regen Flugverkehrs wohl etwas komisch vorgekommen.

Aber von vorne: Die Basis stieg im Goms am Nachmittag auf unglaubliche 4500 m. Zwischen Grimsel und Rhonegletscher verwarfen Marco und ich den Plan, weiter nach Osten zu fliegen. Nordwestwind blies über die Pässe, sorgte für ungemütliche Verhältnisse. Er liess uns erahnen, dass Andermatt nur ganz schwer zu knacken wäre.

So entschieden wir, das Finsteraarhorn in Angriff zu nehmen. Am Grat vor dem Finsteraarhorn stand zuverlässige Blauthermik, durch Gleitschirme schön markiert. Wenig Wind versetzte den Schlauch nach Süden und Osten. Bei einer Alpen-Querung vor fast genau einem Jahr waren die Verhältnisse ähnlich gewesen, nur mit etwas tieferer Basis, dafür auch mit weniger Nordwind. Damals hatte in der Westflanke ein Schlauch gestanden. „Ich fliege an den Gipfel und schaue, ob ich mich da halten kann. Falls nicht, gleite ich weiter in Richtung Interlaken“, funkte ich an Marco. Zwei Minuten später fand ich mich auf der Ausgangsposition wieder – 400 Meter tiefer. Der Nord- bis Nordwestwind umströmte den schmalen Berg fast parallel zum Grat und sorgte beidseits des Grates für ein Lee. Dieses war nicht sehr turbulent, drückte einem aber gnadenlos nach unten.

Beim zweiten Anlauf flogen wir hinter anderen Schirmen, schauten uns deren Linie gut an und kamen durch. Fast direkt auf dem Grat lag die perfekte Linie. Ein Schirm, der etwas weiter westlich flog, wurde erneut heruntergedrückt. Ich glitt rund 50 m unter dem Gipfel durch, Marco schaffte ihn noch etwas knapper nicht („Die Kappe war über Gipfelkreuzhöhe, ganz bestimmt!“).

Umgeben von Eis (leider nicht ewiges, sondern immer weniger) und gewaltigen Bergen glitten wir in Richtung Grindelwald. Dass ich diese Momente mit demjenigen Fliegerkollegen teilen durfte, der mir vor drei Jahren das Fluggebiet Oberwallis mit all seinen Schönheiten und Gefahren erklärt hatte, machte das Erlebnis perfekt. Marco wählte in Grindelwald eine geschickte Route. Vorbei am Schreckhorn ging es zum Wetterhorn. Während er eine Thermikblase erwischte und rasch den Gipfel erreichte, schlug ich mich mit turbulentem Wind und nicht drehbarer Thermik herum. Marco wurde es auch oben irgendwann ungemütlich, er querte über die Grosse Scheidegg ans Schwarzhorn.

Der knapp 3000 m hohe Gipfel besteht aus Schotter. Das dunkle und trockene Gestein bot zuverlässige Thermik, welche uns nochmals auf rund 3500 m trug. Es folgte der finale Gleitflug nach Interlaken: das intensive Blau des Brienzersees, die dicke Inversion über dem Thunersee, hinter uns die hohen Berner Alpen – schöner kann fliegen eigentlich nicht sein. In absolut ruhiger Luft trat ich in den Beschleuniger, um Marco einzuholen und die letzten Minuten gemeinsam zu geniessen. Nach einer gemütlichen Synchronspirale landeten wir in sanftem Bergwind auf der Höhenmatte.

Die Glücksgefühle, welche uns dieser Flug bescherte, sind nicht in Worte zu fassen. Zu ihnen mischte sich aber auch eine grosse Dankbarkeit, gesund am Boden zu stehen. Der Unfall eines guten Streckenfliegers und Walliskenners am Tag zuvor rief uns eindringlich in Erinnerung, in was für einem anspruchsvollen Gebiet wir da fliegen. Auch für „Erfahrene“ bzw. Vielflieger ist das Wallis mit seiner enormen Thermik und den komplexen Windsystemen immer eine grosse Herausforderung. Für weniger Erfahrene aber, die sich der Tücken nicht bewusst sind, und sich nicht gründlich informieren, ist das hochalpine Gebiet schlichtweg gefährlich und nicht zu empfehlen.

Auf dem Rückweg im Zug gingen unsere Blicke vom Mittelland nochmals zum Panorama der Berner Alpen. Eiger, Mönch und Jungfrau schimmerten im Abendlicht erhaben. Doch unsere Gedanken ruhten beim König dahinter, dem Finsteraarhorn.

Markus G.

Flug Marco
Flug Markus

 

Alle Fotos von Marco Vergari


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4 Responses to “Alpenquerung am Berner König vorbei”

  1. Sehr schöner Bericht! War spannend euch am Funk zu verfolgen 😉
    Das Finsteraarhorn ist wahrlich ein magischer Berg!

  2. Danke für dä Bricht Markus. Dä Flug isch fantastisch gsi. Eifach unvergässlich. Genial 🙂

  3. ganz cooler bericht. nur schon die Fotos lassen ein magischen flug verraten…:-)
    Bruno

  4. Unglaublich schön!!! Herzliche Gratulation!

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