März 31st, 2013

Wings of Kilimanjaro 2013

„Zu viel Wind“, ist mein erster Gedanke noch im Halbschlaf, als ich aufwache. Mein Zelt wackelt, mein trockener Mund klebt und als ich meine Augen öffne, fällt mein Blick auf meine Trekkinguhr, die an meinem Kopfende liegt: -7 °C, 5718m, 5:49Uhr. Ich genehmige mir einen kleinen Schluck eiskaltes mit Micropur behandeltes Schmelzwasser aus meiner Thermoskanne. Die ist fast leer, aber wenigstens nicht gefroren. Das Rascheln meines Zeltes klingt in meinen Ohren, wie als würde der Berg mir sagen wollen: „Du wirst nicht fliegen. So einfach kommst Du mir nicht davon!“

Nach zwei Tagen ohne Nachschub von Wasser und Essen ist der Gedanke, von diesem eisigen Kraterrand in die Wärme zu einem kühlen Kilimanjaro Beer zu gleiten, an Attraktivität kaum zu überbieten. Ich krieche aus dem Zelt – Nebel. Alles ist mit Reif überzogen. Als ich ins Küchenzelt komme, stolpere ich über einen Überdrucksack (Gamow Bag). Plötzlich wird mir bewusst, wie gut es mir eigentlich noch geht. Matt (einer der drei Expeditionsärzte) bestätigt: „Yes, last night we had to bag one person. Worked really well.“ „Water?“ – „No water.“ Ob es etwas zu essen gibt, frage ich erst gar nicht.

Wieder draussen kann ich schemenhaft für ein paar Sekunden den Kraterrand erkennen. Die Nebelfetzen ziehen schnell, zu schnell … Ich versuche mir vorzustellen, wie schnell ein Gleitschirm in ruhiger Luft wohl dort vorbeifliegen würde: langsamer, viel langsamer. Vorne am Kraterrand angekommen reissen die Wolken zwar auf, aber über Mawenzi stehen wunderschöne Linsenwolken und ein Wolkenwasserfall (eine Art XXL Grimselschlange) fliesst über den Pass zwischen Kibo und Mawenzi Peak. Es wird Zeit hier runter zu kommen! Und das heisst zu Fuss 4000 Höhenmeter in einem Stück.

Reste des Furtwangler Gletschers neben dem Crater Camp

Der Plan war ein anderer (oder war es ein Traum?): Rund 200 Piloten aus aller Welt sollten (legal) vom höchsten freistehenden Berg der Erde fliegen und USD 1 Million für wohltätige Zwecke sammeln. Klingt einfach: Jeder Pilot sammelt USD 5000. Die Tansanischen Behörden unterstützen das ganze indem sie 200 Startlizenzen ausstellen. (Normalerweise ist im Kilimanjaro Nationalpark alles verboten ausser Trekking mit einem Guide.) Hochlaufen, ganz früh morgens auf einem ideal geneigten Hang am Kraterrand starten und runter gleiten. Was kann da schon schief gehen?

“It’s not an adventure until something goes wrong.” -Yvon Chouinard (rock climber, environmentalist and outdoor industry businessman)

Die ersten paar Tage fühlten sich in der Tat mehr an wie ein Erhohlungsurlaub. Eine Routine von gut und viel essen, noch mehr Wasser trinken, ein wenig (langsam) wandern, früh ins Bett und viel Schlafen. Nur die Solebäder fehlten und man hätte es mit einem Kuraufenthalt verwechseln können 😉

Lichtmalereien mit der Stirnlampe auf 4030m (Moshi im Hintergrund)

Dann am Abend vor dem Gipfel-Tag fing das Abenteuer an. Wie, was und warum es passiert ist, ist mir bis heute nicht 100% klar, aber meine Version ist folgende: Es war windig und relativ kalt gewesen im Kosovo Camp auf rund 4850m und das Wasser wurde knapp. Der Trekking Anbieter bat daraufhin wohl auch Guides zu helfen, Wasser hoch zu holen. Das war wohl unter ihrer Würde.

Das ist nicht ganz unverständlich. Die meisten haben jahrelang als Porter gearbeitet. Dann mühsam und teuer in einer Schule, die weit mehr kostet als ein Porterjahresgehalt, etwas Englisch gelernt und dann das Glück gehabt als Guide angestellt zu werden. Das heisst doppeltes Gehalt und halbes Gewicht, Ansehen usw. Und jetzt degradiert sie jemand wieder zum Porter. Das muss ungefähr so sein, als ob man den CEO einer westlichen Fortune 500 Firma bitten würde, doch alle Toiletten im Hauptquartier zu putzen.

Hinzu kam, dass die Nacht sehr kalt und windig war und die Kommunikation mit über 600 Leuten, die wahrscheinlich noch nie in dieser Form zusammengearbeitet hatten, darüber hinaus wahrscheinlich ohne schriftlichen Vertrag in einem Land, wo ein solcher sowieso nicht so einfach einklagbar wäre, nicht so einfach ist. Porter sind normalerweise recht schlecht ausgestattet, sprich: extrem schlechtes Schuhwerk, keine Handschuhe etc. und in der Regel gehen sie auch „nur“ bis zum Barafu Camp (4641m). All das hat wohl dazu beigetragen, dass uns an dem Morgen ein Drittel der Porter abgehauen sind und allen anderen, die von unten Nachschub nach oben brachten, gesagt haben, dass wir nichts mehr brauchen würden.

Das hiess zwei Nächte im Crater Camp auf 5720m mit kaum Essen und wenig zu Trinken. Eigentlich wollten wir drei Nächte auf ein Startfenster warten, aber einige haben schon nach der ersten Nacht aufgegeben.

Raureif morgens im Crater Camp

Das Wort „aufgeben“ existiert, glaube ich, nicht in Babus Wortschatz. Ja, Babu, der sanft sprechende Nepalese mit dieser Aura der Unverwundbarkeit. Er hat eine gewisse Berühmtheit erlangt (zumindest in unserer kleinen Paragliding Community), als er am 21.05.2011 mit seinem Freund, Lakpa, mit einem Tandem Gleitschirm vom Mt. Everest geflogen ist (http://www.xcmag.com/2011/05/babu-sunuwar-flies-off-everest/). Weil er keine Genehmigung für den Gipfel hatte, wurde er daraufhin vom Militär gesucht. Um den ultimativen „Abstieg“ perfekt zu machen, sind die Beiden dann per Kajak zum Indischen Ozean gepaddelt, welchen die beiden noch nie zuvor gesehen hatten. (http://findmespot.com/spotadventures/index.php/view_adventure/?tripid=253731) Und das alles ohne grosse Sponsoren und mit einem Budget, welches andere Leute für einen Städte-Trip am Wochenende ausgeben. Kein Wunder also, dass er zum National Geographics Adventurer of the Year gewählt wurde. (http://adventure.nationalgeographic.com/adventure/adventurers-of-the-year/2012/sanobabu-sunuwar-lakpa-tsheri-sherpa/)

Er war von den Organisatoren eingeladen worden, sie hatten seinen Tandemplatz für viel Geld versteigert, um seine Unkosten zu finanzieren und Geld für wohltätige Zwecke zu sammeln. Sein Tandempassagier war aber schon lange wieder unten im seinem komfortablen Hotel. Während fast alle anderen (darunter auch ich) in einem Stück abgestiegen sind, schlief er eine weitere Nacht etwas weiter unten am Berg. Am nächsten Morgen stieg Babu um 3Uhr morgens zusammen mit seinem Giude, Matthew, wieder zum Gipfel auf und konnte ihn überzeugen mit ihm runter zu fliegen. Wer Babu mal erlebt hat, den wundert das nicht. Er hat so eine Art, dass man ihm einfach vertraut. Das Wetter war wohl nicht sehr viel besser als am Tag zuvor, aber Babu war fest entschlossen. Seine GoPro zeichnete Dutzende Fehlstarts auf und ein paar Sekunden in der Luft, dann war die Batterie leider leer 🙁 Nach einem abenteuerlichen Flug ohne GPS, durch Wolken, Leerotoren und wer weiss was, landen die beiden tatsächlich auf dem offiziellen Landeplatz und das 2h nachdem das Kamerateam, welches 2 Tage dort gewartet hatte, abgereist ist. Aber Babu kann die Story 1000 mal besser erzählen …

Es gibt nun immer noch grosse Diskussionen (auf Facebook, im Cross Country Magazin, Foren etc.), wo sich viele Couch-Piloten und selbst-ernannte Experten den Mund darüber zerreissen, wie kriminell die Wetterbedingungen waren, weil der „arme“ Guide keine Handschuhe trägt und er auf dem Bild offensichtlich eine Wunde an der Hand hat. Ob er überhaupt verstanden hat, welche Risiken er eingeht, um ein informiertes Einverständnis zu geben etc. Schade! Ich finde, wenn man nicht dabei war, die Umstände nicht aus erster Hand erfahren hat, sollte man nicht so dreist sein und (ver-)urteilen.

Bin ich enttäuscht? Kaum. Es war ein grosses Abenteuer. Ich habe viele interessante Persönlichkeiten kennengelernt, neue Freunde gefunden, viel über mich selbst und Afrika gelernt.

I came to fly but much more so I came to live! Let us go fly another day …

Daniel Schmitt

Gipfelfoto

http://wingsofkilimanjaro.com/index.php/pilots/official-pilots/daniel-schmitt/

P.S.: Vielen Dank an alle, die mich bei diesem Abenteuer unterstützt haben!

Einen dramatisierten Filmbeitrag des Ganzen gibt es auf 60 minutes Australia zu sehen: Link

Peter Greig produziert gerade einen Film, auf den ich sehr gespannt bin:
http://www.pozible.com/archive/index/13917
(Auch wenn seine Crowdfunding-Initiative gescheitert ist, wird es den Film geben.)


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